Älteres Futhark · Rune 20 von 24
Mannaz ᛗ

| Zeichen | ᛗ (Unicode U+16D7) |
| Name | Mannaz · altenglisch man · altnordisch maðr |
| Lautwert | m |
| Nummer | 20 von 24 |
| Ætt | dritte Achtergruppe |
| Umkehrlage | ja |
Mensch · Gemeinschaft · Sterblichkeit
Mannaz ist die Rune des Menschen — nicht eines bestimmten, sondern des Menschen überhaupt. Das Zeichen zeigt zwei Stäbe, verbunden durch gekreuzte Striche: zwei Gestalten, die sich die Hände reichen, wenn man es so sehen will.
Und diese Rune hat den Satz, der von allen 24 am längsten hängen bleibt.
Diese Rune selbst werfen: Im Runen-Werkzeug fällt Mannaz aufrecht, gestürzt oder verdeckt — und wird in der Lage gedeutet, in der sie liegt.
Was der Name bedeutet
Mannaz heißt Mensch, nicht „Mann" im heutigen Sinn. Altenglisch man, altnordisch maðr, deutsch Mann und man — die Verengung auf das männliche Geschlecht ist eine spätere Entwicklung. Gemeint ist die Gattung.
Tacitus nennt in seiner Germania einen Mannus als Stammvater der Germanen. Ob das mit dem Runennamen zusammenhängt, ist offen — die Namensgleichheit ist auffällig, mehr aber auch nicht.
Des Menschen Freude
Der berühmteste Satz aus allen drei Runengedichten steht bei dieser Rune, und er stammt aus dem isländischen: maðr er manns gaman — der Mensch ist des Menschen Freude.
Im selben Vers steht aber auch moldar auki, „Mehrung des Staubes". Wir werden zu Erde. Beide Aussagen stehen ohne Übergang nebeneinander, dazu noch ein drittes Bild: Schmuck der Schiffe. Wir sind einander alles — und wir vergehen.
Das norwegische Gedicht greift dieselbe Wendung auf, die Mehrung des Staubes, und setzt einen Halbsatz daneben, der wie ein Schnitt wirkt: groß sei die Klaue des Habichts.
Der englische Vers sagt es am härtesten. Der frohe Mensch sei seinen Verwandten lieb — doch müsse jeder den anderen einmal im Stich lassen, weil das arme Fleisch nun einmal der Erde übergeben wird. Nicht aus Bosheit. Sondern weil einer vor dem anderen stirbt.
Das ist keine düstere Rune. Es ist eine erwachsene. Sie sagt: Menschen sind das Beste, was Menschen haben, und es ist befristet.
Aufrecht
Aufrecht ist Mannaz die Gemeinschaft. Familie, Freundeskreis, Team, Nachbarschaft — das Netz, in dem jemand steht. Wo diese Rune liegt, geht es selten um eine einzelne Beziehung und fast immer um mehrere.
Der zweite Teil ist der Mensch als Maß. Mannaz erinnert daran, dass Fehler dazugehören. Wer sie zieht, darf normal sein.
Der dritte Teil ist die Selbsterkenntnis. In alter Runenliteratur gilt Mannaz oft als „die Rune des Selbst" — nicht als Ich-Kult, sondern als Frage: Was für ein Mensch bist du unter anderen?
Gestürzt
Gestürzt kippt die Gemeinschaft. Isolation, aber selten die romantische: eher jemand, der unter Leuten ist und sich nicht zugehörig fühlt.
Der zweite Sinn ist die Enttäuschung, die die altenglische Strophe vorwegnimmt: Jemand hat dich im Stich gelassen. Die Rune wertet das nicht — sie sagt, dass es zum Menschsein gehört.
Ein dritter: Selbstüberschätzung. Der Mensch, der sich für das Maß aller Dinge hält, statt für eines unter vielen.
Zur Einordnung: Die gestürzte Deutung ist eine Konvention des 20. Jahrhunderts.
Mannaz in den vier Lebensbereichen
Liebe. Aufrecht: eine Beziehung, in der beide Menschen sein dürfen — mit Fehlern. Gestürzt: Ansprüche, die niemand erfüllen kann.
Arbeit. Aufrecht das Team, die Kollegialität, das Netzwerk. Gestürzt Vereinzelung im Großraumbüro.
Geld. Aufrecht Unterstützung durch andere. Gestürzt der Stolz, der nicht um Hilfe bittet.
Wohlbefinden. Aufrecht: Menschen tun gut, und das ist keine Floskel. Gestürzt Einsamkeit, auch unter Leuten.
Nachbarn
Mannaz und Ehwaz ᛖ — Gemeinschaft trifft auf Partnerschaft. Zwei Beziehungsrunen nebeneinander: das Paar innerhalb der Gruppe.
Mannaz und Isa ᛁ — Mensch trifft auf Eis. Eine sprechende Paarung: Zwischen Menschen ist etwas erstarrt. Meist hilft nur, dass einer den ersten Schritt tut.
Als Tagesrune
„Menschen sind das Beste, was du hast. Und du hast sie nicht ewig."
Zieh sie morgens und frag abends nach: Bei wem war ich heute wirklich anwesend?
Häufige Fragen
Was bedeutet die Rune Mannaz?
Mensch, Gemeinschaft und Sterblichkeit. Die isländische Strophe nennt den Menschen „des Menschen Freude" und im selben Atemzug „Mehrung des Staubes". Beides gehört zusammen.
Heißt Mannaz „Mann" oder „Mensch"?
Mensch. Das germanische mannaz meinte die Gattung; die Einengung auf das männliche Geschlecht kam später. Auch das deutsche unbestimmte „man" kommt von diesem Wort.
Ist Mannaz die Rune des Selbst?
So wird sie in moderner Runenliteratur oft genannt. Die Quellen sprechen dagegen fast nur über den Menschen unter anderen Menschen — die Gemeinschaft steht dort im Vordergrund, nicht das Individuum.
Was hat Tacitus mit dieser Rune zu tun?
Er nennt in der Germania einen Stammvater namens Mannus. Die Namensgleichheit ist auffällig, ein Zusammenhang mit dem Runennamen aber nicht bewiesen.
Wie unterscheide ich Mannaz von Ehwaz?
Beide haben zwei senkrechte Stäbe. Bei Mannaz ᛗ kreuzen sich die Verbindungsstriche zu einem X, bei Ehwaz ᛖ bilden sie ein nach unten zeigendes V.
Zum Nachdenken
Mannaz fragt nicht, wer du bist. Sie fragt, wer neben dir steht — und ob du es merkst.
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Redaktioneller Hinweis: Runendeutung ist keine Wissenschaft. Dieser Text trennt, was überliefert ist, von dem, was moderne Praxis ist — und sagt es dort, wo beides auseinandergeht.
