Runen · Lexikon
Woher die Runen kommen
Die Geschichte der Runen ist kürzer und unordentlicher, als die meisten Darstellungen vermuten lassen. Sie hat drei Teile: eine Schrift, ein Orakel und eine Wiederbelebung. Und zwischen den Teilen liegen Lücken, die man nicht zukleistern sollte.
Das Werkzeug dazu: Wie aus dieser Geschichte ein Wurf wird, steht weiter unten — und ausprobieren lässt es sich im Runen-Werkzeug.
Zuerst war es Schrift
Der Kamm von Vimose aus einem dänischen Moor, um 160 n. Chr. niedergelegt, gehört zu den frühesten sicher datierbaren Runenfunden. Noch früher könnten Sandsteinfragmente aus Hole in Norwegen sein — ihr Fundzusammenhang wird auf die Spanne von 50 v. Chr. bis 275 n. Chr. datiert, ein zu breites Fenster für einen neuen punktgenauen Rekord. Auf dem Kamm von Vimose steht ein Wort. Kein Zauberspruch, kein Orakelspruch — vermutlich ein Name.
Das ist der ernüchternde und zugleich interessanteste Befund über die Runen: Sie wurden zum Schreiben erfunden. Man ritzte damit Besitzvermerke, Namen, Widmungen, später auch längere Inschriften auf Steine. Wer eine Rune ritzte, tat meist dasselbe wie jemand, der heute etwas beschriftet.
Woher die Zeichenformen kommen, ist umstritten. Diskutiert werden vor allem das römisch-lateinische, das altitalische und das griechische Alphabet als Vorbild, dazu Mischmodelle; eine aktuelle Gesamtdarstellung hält den römischen Einfluss für am wahrscheinlichsten. Bei manchen Runen ist die Verwandtschaft deutlich: Raidho ᚱ neben dem lateinischen R, Berkano ᛒ neben dem B.
Die Form folgte wohl auch dem Werkstoff. Runen wurden in Holz geritzt — deshalb dominieren senkrechte Stäbe und schräge Zweige. Waagerechte Striche und Rundungen sind selten. Die gängige Erklärung, sie wären in der Maserung verschwunden, ist plausibel, aber keine ausnahmslose Regel: Es gibt frühe Runenformen mit waagerechtem Strich und Rundungen auch auf Holz.
Der Kylver-Stein und das Alphabet in Reihe
Dass die 24 Runen eine feste Reihenfolge hatten, wissen wir von zwei Fundstücken.
Der Kylver-Stein aus Gotland, um 400 n. Chr., trägt die älteste bekannte vollständige Runenreihe — alle 24 Zeichen in der kanonischen Folge, auf der Innenseite einer Grabplatte. Ein Detail, das man beim Betrachten leicht übersieht: Am Ende der Reihe steht ein baumartiges Zeichen, das gar nicht zum Futhark gehört, und die Rune Kenaz ist so klein geritzt, dass man sie für einen Trennpunkt halten kann.
Der Vadstena-Brakteat, ein Goldanhänger aus dem 6. Jahrhundert, zeigt dieselbe Reihe — und teilt sie durch Punkte in drei Achtergruppen. Das ist der Beleg dafür, dass diese Dreiteilung alt ist. (Die Götternamen, die man den Gruppen heute gibt, sind es dagegen nicht; mehr dazu in der Übersicht.)
Der Brakteat selbst ist übrigens ein kleines Drama: Das Original wurde 1938 gestohlen und ist verschwunden. Was Museen zeigen, sind Nachbildungen.
Was Tacitus wirklich beschreibt
Und jetzt zu der Stelle, auf der die ganze Idee des Runenwerfens beruht.
Der römische Historiker Tacitus beschreibt um 98 n. Chr. in seiner Germania, wie Germanen das Los befragten. Der Vorgang ist erstaunlich genau geschildert:
Man schneidet einen Zweig von einem fruchttragenden Baum und teilt ihn in Stäbchen. Diese versieht man mit bestimmten Zeichen und streut sie willkürlich auf ein weißes Tuch. Dann spricht ein Priester — bei einer Frage der Gemeinschaft — oder der Hausvater, wenn es eine private Frage ist, ein Gebet, blickt zum Himmel und hebt dreimal nacheinander je ein Stäbchen auf. Gedeutet werden die drei nach den Zeichen, die vorher darauf angebracht wurden.
Vier Dinge stehen da, die man ernst nehmen sollte:
Es wird geworfen, nicht gezogen. Kein Beutel, keine Karte, keine Auswahl. Die Stäbchen fallen, wie sie fallen.
Es gibt ein weißes Tuch. Der Untergrund gehört zum Vorgang.
Es sind drei. Nicht eins, nicht fünf, nicht neun.
Und es gibt eine Regel für das Nein. Fällt die Antwort ablehnend aus, darf dieselbe Frage am selben Tag nicht noch einmal gestellt werden. Fällt sie zustimmend, ist eine weitere Bestätigung nötig. Das ist eine Verfahrensregel, fast zweitausend Jahre alt — und sie ist der Grund dafür, dass unser Werkzeug eine wiederholte Frage nicht einfach neu beantwortet.
Der Haken, den man nennen muss
Tacitus schreibt nicht „Runen". Er schreibt von Zeichen — notae — auf Holzstäbchen.
Und seine Germania von 98 n. Chr. ist älter als der Vimose-Kamm — ob sie auch älter ist als die ältesten Runen überhaupt, ist seit den Hole-Funden offen, deren breite Datierung vor wie nach Tacitus liegen kann. Ob die Zeichen, die er beschreibt, bereits Runen waren, ob es einfache Kerbmarken waren oder ob er etwas übernommen hat, das er selbst nie gesehen hat, weiß niemand.
Tacitus war nie in Germanien. Er schrieb nach Berichten anderer, und er schrieb mit einer Absicht: den Römern einen Spiegel vorzuhalten. Seine Germanen sind manchmal auffällig tugendhaft — das ist Literatur, nicht Ethnografie.
Warum wir uns trotzdem darauf stützen: Es ist die einzige antike Beschreibung eines germanischen Losorakels, die wir haben. Wer das Runenwerfen begründen will, hat diese eine Quelle — oder er erfindet etwas. Wir sagen lieber, worauf wir uns stützen und wo es dünn wird.
Was in der Edda steht
Die zweite Quellengruppe ist rund tausend Jahre jünger: die Lieder-Edda, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert in Island.
Im Hávamál, dem „Spruch des Hohen", erzählt Odin, wie er die Runen gewann: Neun Nächte hing er im windigen Baum, vom Speer verwundet, sich selbst geopfert — ohne Brot, ohne Trinkhorn. Dann blickte er hinab, nahm die Runen auf, schreiend, und fiel zurück. Es ist eine der eindrücklichsten Passagen der nordischen Dichtung, und sie beschreibt keinen Fund, sondern einen Preis.
Konkreter wird das Sigrdrífumál. Dort lehrt die Walküre Sigrdrífa den Helden Sigurd, welche Runen wofür geritzt werden — „Siegrunen" auf das Schwert, unter zweimaliger Nennung des Gottes Tyr; „Bier-Runen" auf Trinkhorn und Fingernagel, gegen Verrat. Tyr und Nauthiz sind die einzigen Runen, die in der mittelalterlichen Literatur namentlich mit einem konkreten Gebrauch verbunden werden; dasselbe Lied zählt daneben weitere Runengruppen auf — für Geburtshilfe, Seefahrt, Heilung und Rede — ohne einzelne Zeichen zu nennen. Die beiden Stellen stehen bei Tiwaz und Nauthiz.
Und auch hier die nötige Einordnung: Die Edda ist Dichtung. Sie belegt, dass man sich so etwas vorstellte — nicht, dass es so gemacht wurde, und schon gar nicht, dass es wirkte.
Von 24 auf 16 — und warum das wichtig ist
Im 8. Jahrhundert, am Übergang zur Wikingerzeit, passierte etwas Merkwürdiges: Die Sprache wurde komplizierter, die Schrift einfacher. Aus den 24 Zeichen des Älteren Futhark wurden die 16 des Jüngeren Futhark.
Eine Rune musste nun mehrere Laute abdecken. Das machte das Schreiben mehrdeutig — und ausgerechnet in dieser Zeit entstanden die meisten Runensteine, die man heute in Schweden und Dänemark besichtigen kann.
Praktische Folge, die kaum jemand nennt: Wer einen Namen in „echten Wikinger-Runen" schreiben will, braucht diese 16er-Reihe. Das Ältere Futhark, das in fast jeder Runentabelle steht, war zu Beginn der Wikingerzeit bereits weitgehend abgelöst — die Umstellung vollzog sich im 8. Jahrhundert. Mehr dazu: Die drei Runenreihen.
In England ging die Entwicklung umgekehrt: Dort wuchs die Reihe auf bis zu 33 Zeichen an, das angelsächsische Futhorc. Aus dieser Tradition stammt das englische Runengedicht, dem wir die meisten Runennamen verdanken.
Die Wiederbelebung — und wo sie kippte
Mit der Christianisierung verschwanden die Runen aus dem Alltag, hielten sich aber lokal erstaunlich lange; in Teilen Schwedens wurden sie bis in die Neuzeit benutzt.
Im 19. Jahrhundert entdeckte man sie neu — zunächst wissenschaftlich, dann romantisch, dann politisch. Und an dieser Stelle wird die Geschichte unangenehm.
Die 18 Runen, die es nie gab
Wien, 1902. Der österreichische Schriftsteller Guido von List lässt sich an beiden Augen den Star operieren und ist danach elf Monate lang blind. In dieser Zeit, so erzählte er es später, öffnete sich ihm ein „inneres Auge" — und er sah die Runen, die angeblich hinter den überlieferten Runen liegen. Achtzehn Zeichen. Nicht vierundzwanzig.
Die Zahl hat er sich nicht ausgedacht, sie stammt aus der Edda: Im Hávamál zählt Odin achtzehn Zaubersprüche auf, die er kennt. Was dort nicht steht, ist, dass es sich dabei um Runen handelt. Genau diese Lücke füllte List — er erklärte die achtzehn Sprüche zu einer verschlüsselten Runenreihe und lieferte die Entschlüsselung gleich mit. Veröffentlicht hat er sie 1906 als Aufsatz und 1908 als Buch: Das Geheimnis der Runen.
Die Reihe selbst ist kein reines Phantasieprodukt. Ihre ersten sechzehn Zeichen sind das historische Jüngere Futhark, leicht vereinfacht; die letzten zwei bildete er aus den Elder-Futhark-Runen Ehwaz und Gebo. Neu ist nicht das Material, sondern die Behauptung: dass diese Zusammenstellung uralt sei und die eigentliche, geheime Runenreihe darstelle.
Belegt ist davon nichts. Kein Fund, keine Handschrift, keine Erwähnung vor 1902.
Trotzdem ist von List heute in fast jedem deutschen Runenbuch zu finden — nur meistens ohne seinen Namen. Er hat die Bezeichnungen geprägt, die man überall liest: „Sig-Rune" für die Rune, die eigentlich Sowilo heißt. „Lebensrune" und „Todesrune" für Algiz aufrecht und gestürzt. „Man" und „Yr". Wer diese Wörter benutzt, zitiert einen Okkultisten von 1902 und hält es für Überlieferung.
Woran man die Reihe erkennt: achtzehn statt vierundzwanzig Zeichen, und Namen wie Fa, Ur, Thorn, Os, Rit, Ka, Hagal, Not, Is, Ar, Sig, Tyr, Bar, Laf, Man, Yr, Eh, Gibor. Wo das steht, liest man Armanen-Runen — ganz gleich, was auf dem Buchdeckel steht.
Der Nationalsozialismus baute darauf auf. Die SS führte ab 1933 die doppelte Sig-Rune als Emblem, die Odalrune wurde zum Zeichen von „Blut und Boden", die Lebensrune zum Symbol des Lebensborn. Bedeutungen, die es vorher nirgends gab, wurden den Zeichen untergeschoben — und kleben bis heute an ihnen.
Was das rechtlich und praktisch heißt, steht bei den betroffenen Runen selbst: Sowilo, Othala und Algiz, zusammengefasst unter Runen-Tattoo. Fachlich zuverlässig weiterführend ist die Bundeszentrale für politische Bildung.
Nach 1945 verschwand die Reihe nicht — dafür war sie zu verbreitet. Karl Spiesberger unternahm 1955 den Versuch, sie vom völkischen Ballast zu trennen und in einen neutralen, eklektischen Zusammenhang zu stellen. Das System selbst behielt er bei, denn in deutschen esoterischen Kreisen war es zu diesem Zeitpunkt beinahe Tradition geworden. Genau deshalb begegnet man den achtzehn Zeichen bis heute in Runenbüchern, Kartensets und Onlinekursen, oft ohne jeden Hinweis darauf, dass sie aus dem Jahr 1902 stammen.
Auf diesen Seiten geht es um das Ältere Futhark — die Reihe, die auf Kämmen, Steinen und Waffen tatsächlich gefunden wurde. Die Armanen-Reihe kommt hier als das vor, was sie ist: ein Stück Rezeptionsgeschichte, das man kennen sollte, um es zu erkennen. Wie sie sich zu den historischen Reihen verhält, steht bei Die drei Runenreihen.
Wie daraus das heutige Runenlegen wurde
Die Runendeutung, wie sie heute praktiziert wird, ist im Wesentlichen jünger als der Farbfernseher.
Zwei Bausteine sind gut zu datieren. Die Umkehrdeutung — gestürzte Runen gegenteilig zu lesen — kennt kein einziges der Runengedichte; sie stammt aus dem 20. Jahrhundert. Ob sie aus dem Tarot übernommen wurde, wie oft vermutet wird, ist nicht belegt. Und die leere 25. Rune führte Ralph Blum 1982 in seinem Runenbuch ein. Sie liegt heute in vielen Sets und hat keinen historischen Vorläufer.
Das ist kein Grund, die Praxis wegzuwerfen. Es ist ein Grund, ehrlich zu sein: Wer Runen legt, tut etwas Modernes mit sehr alten Zeichen. Das darf man wissen, und es macht die Sache nicht kleiner.
Häufige Fragen
Hatten die Germanen wirklich Runen?
Ja. Die ältesten gut datierbaren Funde stammen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, etwa der Kamm von Vimose um 160; Steinfragmente aus Hole in Norwegen könnten noch älter sein. Runen waren germanische Schriftzeichen, über Jahrhunderte im Gebrauch, von Skandinavien bis Süddeutschland.
Wer hat die Runen erfunden?
Das weiß niemand. Die Formen gehen auf ein Alphabet des Mittelmeerraums zurück — welches genau, ist umstritten; diskutiert werden das römisch-lateinische, altitalische und griechische. Die Edda schreibt die Runen Odin zu — das ist Mythos, keine Geschichte.
Woher kommen die Runen ursprünglich?
Aus dem Kontakt germanischer Gruppen mit den Schriften des Mittelmeerraums; welches Alphabet das unmittelbare Vorbild war, ist nicht geklärt. Die Zeichenformen wurden vermutlich an das Ritzen in Holz angepasst — daher die senkrechten Stäbe und schrägen Zweige.
Was schreibt Tacitus über die Runen?
Genau genommen nichts. Er beschreibt um 98 n. Chr. ein Losorakel mit Zeichen auf Holzstäbchen, die auf ein weißes Tuch geworfen werden; drei davon werden aufgenommen und gedeutet. Ob es Runen waren, sagt er nicht — der Kamm von Vimose ist jünger als sein Bericht, und bei den noch älteren Hole-Fragmenten lässt die breite Datierung beides zu.
Was steht im Havamal über Runen?
Odin erzählt, wie er neun Nächte im Weltenbaum hing, vom Speer verwundet und ohne Nahrung, bis er die Runen aufnahm. Es ist eine Opfergeschichte, kein Handbuch.
Wo kann man Runensteine sehen?
Die meisten stehen in Schweden, vor allem in Uppland; berühmt sind auch die dänischen Steine von Jelling. Der Kylver-Stein aus Gotland liegt im Historiska museet in Stockholm.
Sind Runen älter als das lateinische Alphabet?
Nein. Das lateinische Alphabet ist deutlich älter, und die Runen gehen wahrscheinlich sogar auf einen Verwandten davon zurück.
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