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Runen · Lexikon

Die drei Runenreihen

Es gibt nicht die Runen. Es gibt drei Runenreihen aus drei Zeiten und drei Gegenden, und sie unterscheiden sich stärker, als die meisten Runentabellen im Netz zugeben.

Wer das nicht trennt, macht früher oder später einen Fehler, der weh tut — zum Beispiel den, sich einen Namen in „echten Wikingerrunen" stechen zu lassen, der in Wahrheit in einer Schrift steht, die die Wikinger selbst längst durch eine kürzere Reihe ersetzt hatten.

Übrigens: Unser Runen-Werkzeug arbeitet mit dem Älteren Futhark, den 24 Zeichen. Warum das für ein Orakel die richtige Wahl ist, steht weiter unten.

Die drei Reihen auf einen Blick

Ältere FutharkJüngeres FutharkAngelsächsisches Futhorc
Zeichen241626 bis 33
Zeitca. 150–800ca. 800–1100ca. 400–1100
Wogermanisches Europa, SkandinavienSkandinavienEngland, Friesland
SpracheUrgermanischAltnordischAltenglisch, Altfriesisch
Das ist die Reihe fürRunendeutung, Orakelechte Wikingerzeitdie Runengedichte

Drei Reihen, drei Zwecke. Und ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält: Die Reihe, die heute überall als „nordische Runen" verkauft wird, ist meistens die älteste — die mit der Wikingerzeit am wenigsten zu tun hat.

Das Ältere Futhark: die Ursprungsreihe

Die 24 Zeichen des Älteren Futhark sind die älteste bekannte germanische Schrift. Belegt sind sie ab dem 2. Jahrhundert; die Reihenfolge steht spätestens um 400 fest, nachzulesen auf dem Kylver-Stein von Gotland.

Diese Reihe ist die Grundlage für alles, was heute unter Runendeutung läuft. Zu allen 24 Zeichen gibt es Namen und Bedeutungen — genau genommen rekonstruiert aus den späteren Runengedichten und Runennamen, nicht als zeitgenössische Liste erhalten. Die 24 Runen tragen Namen wie Fehu (Vieh, Besitz) oder Uruz (Auerochse), und diese Namen sind der ganze Stoff, aus dem Deutung gemacht wird. (Vollständige Namensfolgen sind übrigens auch für die 16 Runen des Jüngeren Futhark überliefert — die Deutungstradition hat sich trotzdem auf die 24er-Reihe eingespielt.)

Im Lauf des 8. Jahrhunderts verschwindet sie aus dem Gebrauch. Nicht, weil jemand sie verboten hätte — sondern weil sich die Sprache verändert hatte.

Alle 24 Zeichen mit ihren Bedeutungen findest du in der Übersicht zu den Runen und ihrer Bedeutung.

Das Jüngere Futhark: die Schrift der Wikinger

Und hier kommt die eigentliche Merkwürdigkeit der Runengeschichte.

Zwischen etwa 650 und 800 schrumpft die Reihe von 24 auf 16 Zeichen. Eine Zeit lang laufen beide Systeme nebeneinander her, dann setzt sich das kürzere durch. Das Erstaunliche daran: Die altnordische Sprache hatte in dieser Zeit mehr Laute bekommen, nicht weniger. Man hätte also mehr Zeichen gebraucht — und bekam weniger.

Die Folge war eine Schrift, die massiv mehrdeutig ist. Ein einziges Zeichen musste jetzt für mehrere Laute herhalten; wer wikingerzeitliche Inschriften liest, muss vieles aus dem Zusammenhang erschließen. Warum die Skandinavier ihre Schrift ausgerechnet so vereinfachten, ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Diese 16 Zeichen sind die Runen, die auf den großen schwedischen und dänischen Runensteinen stehen. Das ist die Schrift der Wikingerzeit. Wer einen Namen „wie ein Wikinger" schreiben will, braucht diese Reihe — nicht die 24er.

Langzweig und Kurzzweig

Das Jüngere Futhark kommt in zwei Ausprägungen, und der Unterschied ist praktisch, nicht inhaltlich:

  • Langzweigrunen — die repräsentative Form, vor allem in Dänemark. Hohe, klare Zeichen, gut in Stein zu schlagen. Das ist die Schrift der Denkmäler.
  • Kurzzweigrunen — die abgekürzte Form, vor allem in Schweden und Norwegen. Schneller zu ritzen, sparsamer, und offenbar auch die Alltagsschrift der Händler. Man könnte sie die Schreibschrift der Wikinger nennen.

Beide Formen meinen dieselben 16 Zeichen. Es ist derselbe Text, nur in einer anderen Handschrift.

Das angelsächsische Futhorc: die Reihe, die wuchs

In England ging die Entwicklung genau andersherum. Während die Reihe im Norden schrumpfte, wuchs sie auf der Insel — von 24 auf 28, später in Northumbrien auf 33 Zeichen.

Der Grund ist derselbe wie im Norden, nur mit umgekehrter Antwort: Das Altenglische bekam neue Laute, und die Angelsachsen erfanden dafür neue Zeichen. Die alte Rune Ansuz spaltete sich in gleich drei Nachfolger auf, je nach Vokal.

Auch der Name verrät die Verschiebung: Aus Futhark wird Futhorc, weil sich die Aussprache der vierten Rune verändert hatte. Die Reihe ist nach ihren ersten sechs Zeichen benannt, und die klangen jetzt eben anders.

Warum diese Reihe für die Deutung wichtig ist: Aus dieser Tradition stammt das altenglische Runengedicht — der ausführlichste und wichtigste Text, aus dem wir die Runennamen kennen. Ohne das Futhorc wüssten wir über die Bedeutung der Runen deutlich weniger. Mehr dazu in der Geschichte der Runen.

Und die vierte Reihe, die keine ist

Wer sich umsieht, stößt früher oder später auf eine Reihe aus 18 Zeichen mit Namen wie Fa, Ur, Thorn, Os, Rit und Ka. Das sind die Armanen-Runen — und sie sind keine historische Runenreihe, sondern die Erfindung des Okkultisten Guido von List aus dem Jahr 1902.

Ihre ersten 16 Zeichen sind das echte Jüngere Futhark; die letzten zwei hat er selbst gebildet. Was fehlt, ist jeder Beleg dafür, dass diese Zusammenstellung älter wäre als das 20. Jahrhundert.

Erkennungsmerkmal: achtzehn statt sechzehn oder vierundzwanzig Zeichen. Wo das steht, liest man von List — auch dann, wenn auf dem Buchdeckel „germanische Überlieferung" steht. Die ganze Geschichte dazu steht im Abschnitt Die 18 Runen, die es nie gab.

Welche Reihe brauchst du?

Zum Deuten und Orakeln: das Ältere Futhark. Es ist die Reihe, mit der die gesamte Deutungstradition arbeitet, und zu allen 24 Zeichen lassen sich Namen und Bedeutungen aus den Quellen erschließen. Deshalb liegen in praktisch jedem Runenset 24 Steine, und deshalb arbeitet auch unser Werkzeug damit.

Für einen Namen in Wikingerschrift: das Jüngere Futhark. 16 Zeichen, mehrdeutig, dafür historisch am richtigen Platz. Wer Wert auf Genauigkeit legt, nimmt diese.

Für einen Namen, der lesbar sein soll: das Ältere Futhark. Es hat mehr Zeichen und lässt sich eindeutiger auf unsere Buchstaben abbilden. Die meisten Menschen wählen aus diesem Grund die 24er-Reihe, auch für Tätowierungen. Das ist völlig in Ordnung — man sollte nur nicht behaupten, es sei Wikingerschrift.

Wie das Übertragen praktisch geht und warum es dabei nicht um Buchstaben, sondern um Laute geht, steht auf der Seite Runenalphabet.

Häufige Fragen

Wie viele Runen gibt es?

Das kommt auf die Reihe an. Das Ältere Futhark hat 24 Zeichen, das Jüngere Futhark 16, das angelsächsische Futhorc je nach Zeit und Gegend 26 bis 33. Eine einzige, feste Zahl gibt es nicht — genau das ist der häufigste Irrtum.

Welche Runen benutzten die Wikinger?

Das Jüngere Futhark mit 16 Zeichen. Das Ältere Futhark, das man in fast jeder Runentabelle findet, war zur Wikingerzeit bereits weitgehend außer Gebrauch.

Was ist der Unterschied zwischen Älterem und Jüngerem Futhark?

Die Zahl der Zeichen und die Zeit. Das Ältere Futhark hat 24 Zeichen und ist bis ins 8. Jahrhundert in Gebrauch, das Jüngere hat 16 und löst es ab. Zu den 24 Zeichen lassen sich Namen und Bedeutungen aus den Runengedichten erschließen, weshalb sie die Grundlage jeder Runendeutung sind.

Warum wurden es weniger Runen, obwohl die Sprache mehr Laute hatte?

Das ist eine offene Frage der Forschung. Die Vereinfachung machte die Schrift deutlich mehrdeutiger — ein Zeichen musste nun mehrere Laute abdecken. Wer behauptet, den Grund sicher zu kennen, geht über den Forschungsstand hinaus.

Sind nordische und germanische Runen dasselbe?

Die Begriffe werden durcheinandergeworfen. „Germanische Runen" meint meist das Ältere Futhark, „nordische Runen" oft dasselbe — obwohl im Norden zur Wikingerzeit das Jüngere Futhark galt. Wenn dir jemand „nordische Runen" anbietet, lohnt die Nachfrage, welche Reihe gemeint ist.

Welche Reihe soll ich für ein Tattoo nehmen?

Beide sind vertretbar, solange du weißt, welche du wählst. Wichtiger als die Reihe sind zwei andere Punkte: die Übertragung nach Lauten statt nach Buchstaben und die Frage, welche Zeichen in Deutschland problematisch sind. Beides steht unter Runen-Tattoo.

Zum Mitnehmen

Drei Reihen, drei Zeiten, drei Zwecke. Das Ältere Futhark ist die Reihe der Bedeutungen, das Jüngere die der Wikinger, das Futhorc die der Gedichte. Wer das auseinanderhält, ist den meisten Runenseiten im Netz bereits einen Schritt voraus.

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Redaktioneller Hinweis: Die Datierungen folgen dem gängigen Forschungsstand. Wo die Forschung uneins ist — etwa bei der Frage, warum die Reihe schrumpfte — steht das ausdrücklich im Text.