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Älteres Futhark · Rune 17 von 24

Tiwaz ᛏ

Runenstein Tiwaz: ᛏ eingeritzt und mit rotem Ocker ausgestrichen
Zeichenᛏ (Unicode U+16CF)
NameTiwaz · altnordisch Týr · altenglisch tir
Lautwertt
Nummer17 von 24
Ættdritte Achtergruppe (erste Rune)
Umkehrlageja

Recht · Entscheidung · der Preis, den man zahlt

Tiwaz sieht aus wie ein Pfeil nach oben, und sie ist die einzige Rune, die eindeutig nach einem Gott benannt ist: Týr.

Tyr ist nicht der bekannteste der nordischen Götter, aber er hat die klarste Geschichte. Als die Götter den Fenriswolf fesseln wollten, misstraute das Tier ihnen — es ließ sich nur binden, wenn einer seine Hand als Pfand in sein Maul legte. Tyr tat es. Die Fessel hielt. Die Hand war weg.

Das ist die Rune: Man tut das Richtige und bezahlt dafür.

Diese Rune selbst werfen: Im Runen-Werkzeug fällt Tiwaz aufrecht, gestürzt oder verdeckt — und wird in der Lage gedeutet, in der sie liegt.

Was der Name bedeutet

Tīwaz ist der Name des Gottes, und er ist uralt. Er gehört zu derselben indogermanischen Wortfamilie wie der griechische Zeus und der altindische Dyaus — allesamt Himmelsgottheiten. Tyr war vermutlich einmal der Hauptgott, bevor Odin diese Rolle übernahm.

Der Name lebt weiter im englischen Tuesday und im deutschen Dienstag — beide gehen auf den Tag des Tyr zurück.

Der Stern, der niemals trügt

Im englischen Gedicht ist gar nicht der Gott gemeint, sondern ein Gestirn. Tir sei ein bestimmtes Zeichen, heißt es dort, es halte den Edlen gut die Treue, sei immer auf Fahrt über den Nebeln der Nacht — und trüge niemals. Ein Stern also, der nachts zuverlässig am selben Platz steht und deshalb Orientierung gibt. Der christliche Schreiber hat den Gott herausgeschrieben und einen Himmelskörper daraus gemacht.

Die nordischen Verse tun das nicht. Beide nennen Tyr den einhändigen Gott, und das isländische fügt eine Wendung an, die eine ganze Geschichte in zwei Wörter packt: Überrest des Wolfes — das, was der Wolf übrig gelassen hat.

Alle drei kreisen damit um dasselbe: Verlässlichkeit. Der Stern, der nie trügt. Der Gott, der sein Wort hielt, obwohl es ihn die Hand kostete. Tiwaz ist die Rune des Wortes, auf das man sich verlassen kann.

Die Stelle in der Edda

Im Sigrdrífumál rät die Walküre Sigrdrífa, „Siegrunen" auf das Schwert zu ritzen und dabei zweimal Tyr zu nennen. Tyr und Nauthiz sind die beiden einzigen Runen, die eine mittelalterliche Quelle namentlich mit einem konkreten Gebrauch verbindet; dasselbe Lied beschreibt daneben weitere Runengruppen — für Geburtshilfe, Seefahrt, Heilung und Rede — ohne einzelne Zeichen zu nennen. Dichtung — kein Beleg für Wirksamkeit.

Aufrecht

Aufrecht ist Tiwaz die Entscheidung, die getroffen wird. Klar, begründet, gerichtet — der Pfeil zeigt nach oben, nicht in fünf Richtungen.

Der zweite Teil ist das Recht. Tiwaz ist die Rune der Gerichtsversammlung, des Vertrags, des gegebenen Wortes. Wo sie liegt, geht es um das, was richtig ist, nicht um das, was angenehm wäre.

Der dritte Teil ist der Preis. Tyr bezahlte mit der Hand. Aufrecht heißt diese Rune nicht „du gewinnst", sondern „es ist richtig, und es wird dich etwas kosten".

Gestürzt

Gestürzt zeigt Tiwaz die Entscheidung, die nicht fällt. Aufschieben, Ausweichen, Zuständigkeiten, die niemand übernimmt.

Der zweite Sinn ist Unrecht, das nicht angesprochen wird — die Ungerechtigkeit, bei der alle wegsehen, weil das Ansprechen unbequem wäre.

Ein dritter: Rechthaberei statt Recht. Der Unterschied zwischen „ich habe recht" und „es ist richtig" ist genau das, was diese Rune gestürzt zeigt.

Zur Einordnung: Die gestürzte Deutung ist eine Konvention des 20. Jahrhunderts.

Tiwaz in den vier Lebensbereichen

Liebe. Aufrecht: Verbindlichkeit, ein Wort, das gilt. Gestürzt: eine Entscheidung, die längst fällig ist und die keiner trifft.

Arbeit. Aufrecht Verantwortung übernehmen, auch mit Folgen. Gestürzt Konfliktvermeidung, die alle nach unten durchreichen.

Geld. Aufrecht Verträge, Ansprüche, faire Abrechnung. Gestürzt eine Forderung, die man nicht stellt.

Wohlbefinden. Aufrecht die Entlastung, die eine getroffene Entscheidung bringt. Gestürzt die Anspannung des Aufschiebens.

Nachbarn

Tiwaz und Algiz — Recht trifft auf Grenze. Eine Grenze, die nicht nur gefühlt, sondern begründet ist. Wenn Algiz gestürzt und Tiwaz aufrecht liegt: Du hast recht und sagst es nicht.

Tiwaz und Sowilo — Entscheidung trifft auf Klarheit. Du siehst, was ist, und kannst deshalb wählen.

Als Tagesrune

„Entscheide. Und rechne damit, dass es etwas kostet."

Zieh sie morgens und frag abends nach: Welche Entscheidung habe ich heute vertagt?

Häufige Fragen

Was bedeutet die Rune Tiwaz?

Recht, Entscheidung und Verlässlichkeit. Die Rune ist nach dem Gott Tyr benannt, der seine Hand opferte, um den Fenriswolf zu fesseln. Alle drei Runengedichte kreisen um Verlässlichkeit — im altenglischen ist sogar ein Stern gemeint, der „niemals trügt".

Ist Tiwaz eine Siegrune?

In der Edda rät die Walküre Sigrdrífa, „Siegrunen" auf das Schwert zu ritzen und zweimal Tyr zu nennen. Das ist der Ursprung der Bezeichnung. Vorsicht bei der modernen „Sig-Rune": Die geht auf Sowilo zurück und ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Wer war Tyr?

Ein nordischer Gott, dessen Name mit Zeus und dem altindischen Dyaus verwandt ist — er war wahrscheinlich einmal der Hauptgott des Himmels. Bekannt ist er vor allem für den Verlust seiner Hand im Rachen des Fenriswolfs. Unser Dienstag ist nach ihm benannt.

Ist Tiwaz die Rune für Erfolg im Kampf?

So wird sie oft verstanden. Die Quellen betonen aber etwas anderes: Treue, Verlässlichkeit und das Einhalten eines Wortes — auch wenn es teuer wird.

Warum sieht die Rune aus wie ein Pfeil?

Der senkrechte Stab mit den zwei nach unten laufenden Ästen an der Spitze ergibt eine Pfeilform. Ob das Zeichen deshalb mit dem Kampf verbunden wurde oder ob die Ähnlichkeit zufällig ist, lässt sich nicht klären.

Zum Nachdenken

Tiwaz fragt nicht, ob du recht hast. Sie fragt, was du bereit bist, dafür zu zahlen.

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Redaktioneller Hinweis: Runendeutung ist keine Wissenschaft. Dieser Text trennt, was überliefert ist, von dem, was moderne Praxis ist — und sagt es dort, wo beides auseinandergeht.