Runen · Lexikon
Keltische Runen
Es gibt keine keltischen Runen. Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern der Grund, warum die Suche danach so selten zu etwas Brauchbarem führt.
Runen sind germanisch. Die Kelten hatten eine eigene Schrift, und die sah völlig anders aus. Dass beides heute durcheinandergeht, liegt weniger an den Kelten als an Fantasy-Filmen, Schmuckkatalogen und einem einflussreichen Buch von 1948.
Wer nach „keltischen Runen" sucht, meint in aller Regel eines von drei Dingen. Diese Seite sortiert sie.
Was die Kelten wirklich hatten: Ogham
Die keltische Schrift heißt Ogham (gesprochen etwa og-am), und sie ist ein eigenwilliges System: eine Reihe von Kerben und Strichen, die an einer Kante entlanglaufen — meist der Kante eines aufrecht stehenden Steins. Man liest sie von unten nach oben.
Belegt ist sie ab dem 4. Jahrhundert, hauptsächlich in Irland und Wales, hauptsächlich vom 4. bis 6. Jahrhundert. Die Reihe umfasst zwanzig Zeichen, zu denen später noch fünf hinzukamen.
Und wie bei den Runen gilt auch hier: Auf den erhaltenen Steinen steht nichts Geheimnisvolles. Es stehen Namen darauf — Personennamen mit Abstammungsformeln. Viele Steine waren wohl Gedenk- oder Grabdenkmäler; ob einzelne auch als Grenz- oder Besitzmarken dienten, wird in der Forschung diskutiert. Denkmäler also — keine Zauberbücher.
Damit ähnelt der Befund dem der Runen verblüffend: eine Schrift, die zuerst schlicht Schrift war, und der viel später etwas Magisches zugeschrieben wurde.
Das „keltische Baumalphabet" — und wer es erfunden hat
An dieser Stelle wird es interessant, weil hier ein echter historischer Kern in etwas verwandelt wurde, das es so nie gab.
Der echte Kern: Die Ogham-Buchstaben tragen überlieferte Namen, und einige davon sind tatsächlich sicher Bäume oder Pflanzen — beith etwa heißt Birke. Dass gleich das ganze Alphabet aus Baumnamen bestehe, ist dagegen schon eine Deutung mittelalterlicher irischer Gelehrter; mehrere Einzelnamen sind bis heute nicht sicher erklärt.
Was daraus gemacht wurde: Der englische Dichter Robert Graves entwarf 1948 in seinem Buch The White Goddess daraus ein umfassendes System — einen keltischen Baumkalender mit Monatszuordnungen, Weissagungsbedeutungen und mystischer Ordnung. Das Buch ist ein poetisches Werk, kein wissenschaftliches. Graves selbst war Dichter, nicht Keltologe.
Was dann passierte: Die neuheidnische Bewegung las es als Sachbuch. Von dort wanderte der Baumkalender in unzählige Bücher, Kartensets und Webseiten — und gilt seither vielen als altes Druidenwissen. Fachleute halten ihn für eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.
Wer heute ein „keltisches Baumhoroskop" geschenkt bekommt, hält damit etwas in der Hand, das jünger ist als der Zweite Weltkrieg.
Und die Druiden?
Die Verbindung von Ogham und Druiden ist beliebt, aber zeitlich schwierig. Die Druiden als Priesterstand der keltischen Eisenzeit sind Jahrhunderte älter als die ersten Ogham-Inschriften. Als die Schrift entstand, war ihre Zeit im Wesentlichen vorbei.
Dazu kommt ein Umstand, der jede Behauptung über Druidenwissen von vornherein begrenzt: Die Druiden schrieben ihr Wissen bewusst nicht auf. Was wir über sie zu wissen glauben, stammt fast vollständig von römischen Autoren — also von außen, oft aus zweiter Hand und selten wohlwollend.
„Druidenrunen" verbindet damit gleich drei Dinge, die nicht zusammengehören: eine germanische Schrift, einen keltischen Priesterstand und ein Deutungssystem aus dem 20. Jahrhundert.
Was du vermutlich suchst
Wer „keltische Runen" eingibt, will meistens eines von drei Dingen. Alle drei sind legitim — man sollte nur wissen, welches man gerade will.
Du willst Zeichen deuten oder ein Orakel legen. Dann suchst du das Ältere Futhark, die 24 germanischen Runen. Zu ihnen sind Namen und Bedeutungen überliefert, und sie sind die Grundlage praktisch jeder Runendeutung. Alle 24 mit ihren Bedeutungen findest du in der Übersicht, und im Runen-Werkzeug kannst du sie werfen.
Du willst etwas mit keltischem Bezug. Dann ist Ogham das Richtige — nur eben als Schrift, nicht als Orakel. Für Deutungsbedeutungen gibt es dort keine belastbare Überlieferung; was im Handel als Ogham-Orakel angeboten wird, geht fast durchweg auf Graves zurück.
Du meinst keltische Ornamente. Knotenmuster, Triskele, Spiralen, das Keltenkreuz — das sind Ornamente und Symbole, keine Schrift. Sie sind echt keltisch beziehungsweise insular, tragen aber keine Buchstabenwerte und ergeben keinen Text.
Warum sich die Verwechslung so hartnäckig hält
Drei Gründe, und keiner davon ist Dummheit.
Erstens: Beide Kulturen wohnen im selben Regal. Im Buchladen, im Schmuckgeschäft und im Fantasy-Genre stehen Kelten und Wikinger nebeneinander. Wer dort nach Symbolen sucht, bekommt beides gemischt serviert.
Zweitens: Die Zeichen sehen sich ähnlich genug. Kerben, Striche, Kanten — Ogham und Runen teilen den Werkzeugkasten, weil beide zum Ritzen gemacht sind. Wer sie nicht lesen kann, sieht in beiden dasselbe.
Drittens: Der Handel hat wenig Grund zur Genauigkeit. „Keltische Runen" verkauft sich, und korrekte Bezeichnungen machen die Sache nicht attraktiver. Ein Anhänger heißt eher „keltisch", weil das gut klingt, als weil es stimmt.
Häufige Fragen
Gibt es keltische Runen?
Nein. Runen sind germanischen Ursprungs. Die keltische Schrift heißt Ogham und funktioniert völlig anders — als Kerben entlang einer Kante, gelesen von unten nach oben.
Was ist Ogham?
Eine frühirische Schrift, belegt ab dem 4. Jahrhundert, hauptsächlich in Irland und Wales. Die erhaltenen Steine tragen meist Namen; viele dienten wohl als Gedenk- oder Grabsteine.
Was bedeuten die keltischen Baumzeichen?
Einige der überlieferten Ogham-Buchstabennamen sind tatsächlich Bäume, etwa beith „Birke"; der größere Baum-Zusammenhang stammt von mittelalterlichen Gelehrten. Der daraus gebaute keltische Baumkalender mit Monaten und Deutungen stammt jedoch aus Robert Graves' Buch The White Goddess von 1948 und ist keine keltische Überlieferung.
Benutzten Druiden Runen?
Dafür gibt es keinen Beleg. Runen sind germanisch, die Druiden keltisch, und ihre Blütezeit lag vor der ersten Ogham-Inschrift. Überliefertes Druidenwissen gibt es kaum, weil sie bewusst nichts aufschrieben.
Welche Runen soll ich nehmen, wenn mich das Keltische interessiert?
Für Deutung und Orakel führt kein Weg am Älteren Futhark vorbei — nur dort gibt es überlieferte Namen und Bedeutungen. Wenn dich der keltische Kulturkreis interessiert, ist Ogham das richtige Thema, aber eben als Schrift und Geschichte.
Sind keltische Knoten und Runen dasselbe?
Nein. Knotenmuster sind Ornamente ohne Lautwert; Runen sind Schriftzeichen. Man kann mit Runen ein Wort schreiben, mit einem Knotenmuster nicht.
Welche Kraft haben keltische Runen?
Die Frage setzt voraus, dass es sie gibt. Für Ogham-Zeichen ist keine Deutungstradition überliefert — die erhaltenen Inschriften sind Namen auf Gedenksteinen. Was heute als Ogham-Orakel verkauft wird, geht auf Robert Graves' Buch von 1948 zurück und ist keine keltische Überlieferung.
Welche keltischen Symbole sind verboten?
Ein Zeichen ist in Deutschland heikel: das stilisierte Keltenkreuz — ein gleichschenkliges Kreuz im Ring. Es war das Symbol der verbotenen VSBD/PdA, und der Bundesgerichtshof entschied 2008, dass bereits die isolierte öffentliche Verwendung grundsätzlich unter § 86a StGB fällt, also auch ohne Bezug auf die Organisation. Ausgenommen sind Fälle, in denen die Gesamtumstände eindeutig zeigen, dass der Schutzzweck der Vorschrift nicht berührt ist — etwa im religiösen oder kulturhistorischen Zusammenhang. Für die frei stehenden Steinkreuze in Irland gilt das nicht; gemeint ist die stilisierte Grafikform. Ogham-Zeichen selbst sind nicht betroffen.
Zum Mitnehmen
Die Verwechslung ist verständlich, aber sie kostet etwas: Wer nach „keltischen Runen" sucht, findet vor allem Ware. Wer weiß, dass er entweder germanische Runen oder irisches Ogham meint, findet die Sache selbst.
Runen werfen → Zum Werkzeug Die 24 germanischen Runen → Runen und ihre Bedeutung Deinen Namen in Runen → Namen in Runen Welche Reihe ist welche? → Die drei Runenreihen Woher die Runen kommen → Die Geschichte
Redaktioneller Hinweis: Diese Seite stellt richtig, ohne die Frage abzuwerten. Wer nach keltischen Runen sucht, sucht etwas Sinnvolles — es heißt nur anders.
