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Runen · Lexikon

Schutzrunen

Wer nach Schutzrunen sucht, landet fast immer bei zwei Zeichen: bei Algiz ᛉ und beim Vegvísir, dem sogenannten Wikingerkompass.

Beim ersten stimmt einiges. Beim zweiten fast nichts — er ist rund tausend Jahre jünger, als er aussieht.

Diese Seite sortiert, was überliefert ist, was moderne Deutung ist und welche Zeichen die Menschen damals tatsächlich benutzten, wenn sie sich schützen wollten. Es waren andere, als man denkt.

Vorweg, damit es nicht untergeht: Runen wirken nicht. Weder als Schutz noch als Heilmittel noch als Ersatz für eine Entscheidung. Was sie können, ist etwas anderes: einen Gedanken festhalten, an etwas erinnern, eine Absicht sichtbar machen. Das ist wenig — und es ist mehr, als man meint.

Algiz: die Schutzrune

ᛉ ist das Zeichen, das heute überall für Schutz steht, und dafür gibt es einen nachvollziehbaren Grund.

Die altenglische Strophe zu dieser Rune spricht von einer Pflanze — dem Riedgras, das im Sumpf wächst und jeden verwundet, der es unvorsichtig anfasst. Das ist kein Schutzzauber, sondern ein Bild: etwas, das sich wehrt, ohne anzugreifen. Eine Pflanze, die niemanden verfolgt, aber niemanden ungeschoren an sich heranlässt.

Daraus wurde die moderne Deutung: Grenze, Wachsamkeit, Verteidigung. Der Schritt ist kurz und ehrlich nachvollziehbar — man sollte ihn nur als das benennen, was er ist. Die alte Strophe sagt nichts über Amulette, Schutzzauber oder Abwehr böser Mächte. Sie beschreibt eine Pflanze am Wasser.

Alles Weitere zu dieser Rune steht auf ihrer eigenen Seite: Algiz.

Der Vegvísir ist kein Wikingerzeichen

Und hier die Sache, die den meisten Menschen sauer aufstößt, weil sie das Zeichen längst auf dem Arm tragen.

Der Vegvísir — der achtarmige „Wikingerkompass", der auf Anhängern, T-Shirts und in Tattoostudios hängt — taucht zum ersten Mal im Huld-Manuskript von 1860 auf, geschrieben von Geir Vigfússon in Akureyri auf Island. Frühere Belege gibt es nicht. Keinen einzigen.

Das Zeichen ist damit rund achthundert Jahre jünger als die Wikingerzeit. Es stammt aus der isländischen Zauberzeichen-Tradition, die sich seit dem 16. Jahrhundert entwickelte und Volksglauben mit kontinentaler Gelehrtenmagie mischte.

Dem verwandten Ægishjálmur, dem „Schreckenshelm", geht es kaum besser: Sein ältester bekannter Beleg steht in einer isländischen Handschrift von 1670.

Beide sind keine Runen. Sie sind Zauberzeichen (isländisch galdrastafir) und gehören in eine ganz andere Zeit und Tradition als das Ältere Futhark.

Heißt das, sie seien wertlos? Nein. Sie sind echte isländische Volkskultur mit einer belegbaren Geschichte — nur eben einer neuzeitlichen. Wer sie trägt, trägt etwas Isländisches aus dem 19. Jahrhundert. Das ist völlig in Ordnung. Man sollte nur niemandem erzählen, es sei wikingerzeitlich.

Was die Runenritzer wirklich schrieben

Jetzt zum interessanten Teil. Wenn man wissen will, welche Zeichen tatsächlich für Schutz und Segen standen, muss man nachsehen, was auf den Amuletten, Brakteaten und Waffen wirklich steht. Und da findet man nicht einzelne Runen, sondern kurze Wörter.

alu — ᚨᛚᚢ. Das mit Abstand häufigste dieser Formelwörter, belegt vom 3. bis zum 8. Jahrhundert auf Amuletten, Anhängern, Waffen und Steinen. Wörtlich heißt es „Bier". Was es auf einem Amulett bedeutet, ist bis heute umstritten: Manche lesen es als „Schutz, Abwehr", andere halten das Bier für den Kern und denken an den Rauschzustand bei kultischen Handlungen. Sicher weiß es niemand.

laukaʀ — „Lauch". Steht für Gedeihen und Wachstum, vielleicht auch für Heilkraft.

auja — „Glück, Heil". Ein Segenswunsch.

laþu — „Einladung", vermutlich im Sinne einer Anrufung.

Das ist die tatsächliche Überlieferung: keine Zeichenkombinationen, sondern geschriebene Wörter. Wer sich an das halten will, was Menschen damals wirklich taten, ritzt ᚨᛚᚢ und nicht ᛉ. Es ist nur leider nicht das, was in den Schmuckkatalogen steht.

Runen für ein bestimmtes Thema

Die Frage „Welche Rune steht für Liebe, Geld, Erfolg?" wird häufig gestellt, deshalb hier die ehrliche Antwort in zwei Teilen.

Der historische Teil: Eine überlieferte Tabelle, die jeder Rune ein Lebensthema zuordnet, gibt es nicht. Die Runengedichte beschreiben, was ein Wort bedeutet — Vieh, Hagel, Eis, Sonne — und nicht, wofür man das Zeichen einsetzt. Am nächsten kommt dem noch das Eddalied Sigrdrífumál: Es kennt thematisch benannte Runengruppen — Siegrunen, Bierrunen, Geburtshelferrunen, Seerunen — und nennt in zwei Anweisungen sogar einzelne Runen, Týr und Nauthiz. Eine Zuordnungstabelle im heutigen Sinn ist aber auch das nicht.

Der moderne Teil: Die heutige Praxis leitet aus den Namen sinnvolle Zuordnungen ab, und das ist eine legitime Übertragung, solange man sie nicht als alt ausgibt:

ThemaRuneWarum
SchutzAlgizdas Riedgras, das sich wehrt
Besitz und GeldFehudas Vieh, der bewegliche Besitz
PartnerschaftEhwazzwei, die aufeinander eingespielt sind
Zuneigung, GabeGeboGeschenk und Gegengabe
Erfolg, AntriebSowilodie Sonne, die Orientierung gibt
Recht bekommenTiwazRecht, Verlässlichkeit, Entscheidung
NeuanfangBerkanoWachstum und Fürsorge
DurchhaltenUruzungezähmte Kraft

Das ist eine brauchbare Landkarte für die eigene Deutung. Es ist kein Katalog von Wirkungen.

Wie man es sinnvoll benutzt

Wenn dich Schutzrunen interessieren, ist der nüchterne Weg auch der, der am ehesten etwas bringt.

Als Erinnerungszeichen. Ein Zeichen auf einem Zettel, einem Stein, im Notizbuch. Es wirkt nicht — aber es erinnert dich an einen Vorsatz, jedes Mal wenn du es siehst. Das ist der gesamte Mechanismus, und er ist nicht nichts.

Als Frage statt als Formel. Statt „Algiz soll mich schützen" die Frage: Wovor genau will ich mich eigentlich schützen? Meistens ist die Antwort auf diese Frage nützlicher als das Zeichen.

Als Tagesrune. Eine Rune ziehen, den Tag über im Hinterkopf behalten, abends nachsehen. Im Runen-Werkzeug geht das mit einem Klick.

Und der Vollständigkeit halber: Bei Krankheit, Angst oder ernsten Sorgen gehört die Zuständigkeit zu Ärztinnen und Ärzten, nicht zu einem Orakel. Das ist keine Floskel, sondern der Punkt, an dem jede Deutungspraxis aufhören muss.

Zwei Zeichen mit einem Problem

Zwei der genannten Runen haben in Deutschland eine Geschichte, die man kennen sollte, bevor man sie sichtbar trägt.

Sowilo ᛊ wurde von der SS als doppeltes Zeichen verwendet. Othala ᛟ diente in einer Variante mit Füßen als NS-Emblem und gilt bis heute in rechtsextremen Kreisen als Zeichen für „Sippe" und „Boden". Auch Algiz ist betroffen: Als „Lebensrune" und „Todesrune" wurde sie von völkischen Kreisen vereinnahmt — Begriffe, die auf Guido von List zurückgehen und nichts mit der Überlieferung zu tun haben.

Die historischen Runen selbst sind nicht verboten. Die Bewertung hängt an Form und Zusammenhang. Was das praktisch heißt, steht auf Runen-Tattoo.

Häufige Fragen

Welche Rune steht für Schutz?

Traditionell wird Algiz ᛉ genannt. Die altenglische Strophe beschreibt allerdings ein Riedgras, das jeden verletzt, der danach greift — ein Bild für Selbstverteidigung, kein Schutzzauber. Die Deutung als Schutzrune ist modern, aber nachvollziehbar.

Ist der Vegvísir ein Wikingerzeichen?

Nein. Der Vegvísir ist erstmals 1860 in einem isländischen Manuskript belegt und damit rund achthundert Jahre jünger als die Wikingerzeit. Er ist außerdem keine Rune, sondern ein isländisches Zauberzeichen.

Was bedeutet „alu" auf alten Runenfunden?

Es ist das häufigste Formelwort der Runeninschriften, belegt vom 3. bis 8. Jahrhundert. Wörtlich heißt es „Bier". Ob es auf Amuletten für Schutz, für einen Rauschzustand oder für etwas anderes steht, ist in der Forschung ungeklärt.

Was ist die stärkste Schutzrune?

Eine Rangfolge gibt es nicht — dazu müsste man annehmen, dass Runen messbar wirken. Die bekannteste Schutzrune ist Algiz. Das in der Überlieferung tatsächlich am häufigsten verwendete Schutzzeichen ist dagegen keine einzelne Rune, sondern das Wort alu ᚨᛚᚢ.

Wirken Schutzrunen?

Nein, jedenfalls nicht im Sinne einer nachweisbaren Wirkung. Was ein Zeichen leisten kann, ist Erinnerung und Aufmerksamkeit — es hält einen Vorsatz sichtbar. Wer Schutz braucht, sollte sich nicht darauf verlassen.

Welche Rune bringt Glück?

Keine. Eine überlieferte Zuordnungstabelle von Runen zu Lebensthemen gibt es nicht; die heutigen Zuordnungen sind moderne Ableitungen aus den Runennamen. Der Segenswunsch, den man in alten Inschriften tatsächlich findet, ist kein Zeichen, sondern ein Wort: auja, „Heil".

Darf ich Schutzrunen tragen?

Ja. Bei Sowilo, Othala und Algiz lohnt aber ein Blick auf Form und Zusammenhang, weil diese Zeichen in Deutschland vorbelastet sind. Näheres unter Runen-Tattoo.

Zum Mitnehmen

Die bekanntesten Schutzzeichen sind die jüngsten, und die echten kennt kaum jemand. Wer sich davon nicht entmutigen lässt, hat am Ende etwas Besseres als ein Amulett: eine Vorstellung davon, was Menschen vor 1.700 Jahren wirklich für wichtig hielten.

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Redaktioneller Hinweis: Diese Seite macht keine Wirkungsversprechen. Wo die Forschung uneins ist — etwa bei der Bedeutung von alu — steht das ausdrücklich im Text.