Runen · Lexikon
Bindrunen
Eine Bindrune ist zwei oder mehr Runen, die sich einen Strich teilen. Statt nebeneinander stehen die Zeichen ineinander — ein gemeinsamer senkrechter Stab, an dem die Äste beider Runen hängen.
Das gibt es wirklich, es ist alt, und die ältesten Beispiele sind über 1.600 Jahre alt. Nur die Begründung, die man heute überall liest, hält der Prüfung nicht ganz stand.
Zum Deuten: Was die einzelnen Zeichen bedeuten, steht in der Übersicht aller 24 Runen. Werfen kannst du sie im Runen-Werkzeug.
Was belegt ist
Bindrunen tauchen von der Völkerwanderungszeit bis in die Wikingerzeit immer wieder auf, in letzterer allerdings selten. Sie sind also kein Randphänomen und keine moderne Erfindung.
Das berühmteste frühe Beispiel steht auf dem Kylver-Stein von Gotland, um 400 entstanden. Auf der Grabplatte steht die vollständige Runenreihe — und dahinter ein auffälliges Gebilde: ein einzelnes, baumartig verzweigtes Zeichen. Gedeutet wurde es unter anderem als Stapel mehrerer Tiwaz-Runen auf einem gemeinsamen Stab — sicher ist diese Lesung nicht, und was das Zeichen sollte, ist offen. Weil es in einem Grab lag und am Ende der Reihe steht, wird auch eine rituelle Funktion vermutet; belegen lässt sie sich nicht.
Das ist die Ausnahme. Die Regel sieht anders aus.
Der nüchterne Grund
Die Forschung erklärt Bindrunen überwiegend praktisch, nicht magisch. Drei Gründe stehen im Vordergrund:
Platzmangel. Wer in einen Knochenkamm, eine Fibel oder den Rand eines Steins ritzt, hat wenig Fläche. Zwei Runen auf einem Stab sparen Raum — dieselbe Überlegung, aus der unsere Ligaturen wie æ oder das kaufmännische & entstanden sind.
Fehlerkorrektur. Wer sich verritzt hat, konnte ein Zeichen durch geschicktes Anfügen retten, statt die Arbeit zu verwerfen. Stein verzeiht kein Radieren.
Gestaltung. Manche Bindrunen sind schlicht schöner als die Einzelzeichen. Auch das ist ein Grund.
Das entzaubert die Sache etwas, macht sie aber nicht kleiner. Es heißt nur: Wer eine Bindrune baut, tut etwas Nachgewiesenes — er sollte nur nicht behaupten, damit einen alten Zauber zu wiederholen.
Wie man eine Bindrune baut
Es gibt keine überlieferte Bauanleitung. Was es gibt, ist eine Bauweise, die sich aus den erhaltenen Beispielen ablesen lässt.
1. Wähle zwei, höchstens drei Runen. Ab vier wird das Zeichen unlesbar und sieht aus wie ein Kratzer. Zwei ist die klassische Zahl.
2. Nimm den senkrechten Stab als gemeinsame Achse. Fast jede Rune des Älteren Futhark hat einen senkrechten Hauptstrich. Genau dieser Strich wird geteilt.
3. Verteile die Äste. Die Nebenstriche der einen Rune links, die der anderen rechts — oder oben und unten. Wichtig ist, dass beide Zeichen erkennbar bleiben.
4. Prüfe, ob etwas Ungewolltes entsteht. Manche Kombinationen ergeben zufällig ein drittes, bekanntes Zeichen. Das ist der häufigste Fehler und der Grund für den Abschnitt weiter unten.
5. Bleib bei den Kanten. Runen sind Ritzschrift: senkrechte Stäbe, schräge Zweige. Rundungen und waagerechte Striche sind selten — die übliche Erklärung ist das Ritzen in Holz, wo quer zur Maserung wenig zu machen ist; ganz ohne Ausnahmen ist diese Regel allerdings nicht. Eine runde Bindrune sieht trotzdem sofort falsch aus.
Ein einfaches Beispiel: Gebo ᚷ, das X-förmige Zeichen, lässt sich mit fast allem verbinden, weil es selbst keinen eigenen Stab hat. Deshalb taucht es in alten Bindrunen besonders oft auf.
Welche Kombinationen man meidet
Ein paar Zeichen sollte man beim Bauen im Kopf haben, weil sie in Deutschland belastet sind.
Zwei Sowilo ᛊᛊ nebeneinander oder verbunden ergeben das Emblem der SS. Das ist kein Grenzfall, sondern der eindeutigste Fall überhaupt — davon lässt man die Finger.
Die „Schwarze Sonne" ist keine Bindrune und keine historische Runengestaltung, auch wenn sie oft so ausgegeben wird. Sie geht auf ein Bodenornament in der Wewelsburg zurück, das die SS dort anbringen ließ, und ist heute ein zentrales Erkennungszeichen der rechtsextremen Szene.
Hagal-Konstrukte aus der Armanen-Tradition — sternförmige Gebilde, die als „Urrune" oder „Mutterrune" ausgegeben werden — stammen aus dem Umfeld von Guido von List und dessen Reihe von 1902. Historisch ist daran nichts. Mehr dazu unter Die drei Runenreihen.
Othala ᛟ mit angesetzten Füßen ist die „geflügelte Odalrune" und war NS-Emblem. Die schlichte Rune ist etwas anderes als diese Variante — der Unterschied ist klein und rechtlich erheblich. Was das für Tätowierungen heißt, steht auf Runen-Tattoo.
Das ist keine Panikmache. Es ist derselbe Grund, aus dem man vor dem Stechen eines chinesischen Schriftzeichens jemanden fragt, der es lesen kann.
Bindrunen heute
In der modernen Praxis dient die Bindrune meist einem von zwei Zwecken.
Als Monogramm. Die Anfangslaute zweier Namen, verbunden zu einem Zeichen — für ein Paar, für ein Kind, für sich selbst. Das ist die naheliegendste Anwendung und die, die dem historischen Befund am nächsten kommt: Auch damals ging es meistens um Namen.
Als Absichtszeichen. Zwei Runen, deren Bedeutungen zusammen etwas ausdrücken, das man sich vornimmt — etwa Uruz für Ausdauer mit Tiwaz für Verlässlichkeit. Ob man das als Erinnerungsstütze versteht oder als etwas Größeres, bleibt jedem selbst überlassen. Belegt ist die Wirkung nicht.
Für beides gilt: Wenn du die Lautwerte brauchst, findest du sie im Runenalphabet. Und wenn du die Bedeutungen brauchst, stehen sie in der Übersicht.
Häufige Fragen
Was ist eine Bindrune?
Zwei oder mehr Runen, die zu einem einzigen Zeichen verbunden werden, indem sie sich einen gemeinsamen senkrechten Strich teilen. Der altnordische Begriff dafür lautet bandrún.
Sind Bindrunen historisch echt?
Ja. Sie sind von der Völkerwanderungszeit bis in die Wikingerzeit belegt; ein berühmtes frühes — wenn auch in der Lesung umstrittenes — Beispiel steht auf dem Kylver-Stein von etwa 400. In der Wikingerzeit werden sie seltener.
Waren Bindrunen magisch?
Meistens nicht. Die Forschung erklärt sie überwiegend praktisch — Platzersparnis, Korrektur eines Ritzfehlers, Gestaltung. Einzelne Fälle wie das baumartige Zusatzzeichen des Kylver-Steins könnten rituell gemeint sein — schon seine Lesung als Bindrune ist allerdings unsicher.
Wie erstelle ich eine eigene Bindrune?
Zwei Runen auswählen, den senkrechten Stab teilen, die Nebenstriche auf beide Seiten verteilen und prüfen, dass beide Zeichen erkennbar bleiben und nichts Ungewolltes entsteht. Mehr als drei Runen werden unleserlich.
Wie viele Runen darf eine Bindrune enthalten?
Eine feste Regel gibt es nicht. Praktisch sind zwei ideal, drei möglich, ab vier wird das Zeichen unlesbar.
Gibt es Bindrunen, die man nicht verwenden sollte?
Ja. Zwei verbundene Sowilo ergeben das SS-Zeichen, die geflügelte Odalrune war NS-Emblem, und die sogenannte Schwarze Sonne ist ein Kennzeichen der rechtsextremen Szene — sie ist zudem weder Rune noch Bindrune. Vor dem Stechen lohnt ein Blick auf Runen-Tattoo.
Zum Mitnehmen
Bindrunen sind eine der wenigen Runenpraktiken, die tatsächlich alt sind. Nur der Grund war selten Zauber und meistens Handwerk: Der Platz war knapp, der Stein hart, und zwei Zeichen auf einem Stab lösten das Problem.
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Redaktioneller Hinweis: Die Einordnung der Bindrunen als überwiegend praktisch entspricht dem Forschungsstand. Wo eine rituelle Deutung vertreten wird — etwa beim Kylver-Stein — ist das im Text als Vermutung gekennzeichnet.
